
EÜ Augustusburger Straße
Chemnitz (Sachsen)
Vorgängerprojekt
Die wissenschaftlichen Grundlagen für EBBS_rail wurden im Rahmen einer Dissertation im DFG-Schwerpunktprogramm 2255 „Kulturerbe Konstruktion“ (Teilprojekt auf der SPP-Website) erarbeitet. Ausgangspunkt war die bislang vorwiegend an technischen und wirtschaftlichen Kriterien orientierte Entscheidungspraxis im Umgang mit historischen stählernen Eisenbahnbrücken, bei der baukulturelle und ökologische Aspekte häufig unzureichend berücksichtigt werden.
Ziel der Dissertation „Stählerne Bahnbrücken als Erbe der Hochmoderne. Grundlagen für eine ganzheitliche Entscheidungsfindung zwischen Instandsetzung und Erneuerung“ war daher die Entwicklung einer ganzheitlichen Bewertungsmethodik, die einen systematischen und nachvollziehbaren Vergleich unterschiedlicher Handlungsoptionen ermöglicht. Ergänzend wurde eine Toolbox mit Methoden und Maßnahmen zur Untersuchung und Entwicklung von Erhaltungs- und Ertüchtigungsoptionen erarbeitet.
Die entwickelte Bewertungsmethodik ermöglicht einen systematischen Vergleich unterschiedlicher Handlungsoptionen im Umgang mit historischen stählernen Eisenbahnbrücken. Neben technischen und wirtschaftlichen Aspekten werden dabei auch baukulturelle und ökologische Kriterien gleichberechtigt in die Entscheidungsfindung einbezogen.
Das Bewertungssystem gliedert sich in vier Dimensionen: Technik, Ökonomie, Baukultur und Ökologie. Diese werden über insgesamt zwölf Kriteriengruppen und die zugehörigen Bewertungskriterien konkretisiert. Quantitative und qualitative Merkmale werden anhand einer einheitlichen neunstufigen Bewertungsskala erfasst und schrittweise zu einer Gesamtbewertung zusammengeführt. Durch individuell anpassbare, projektspezifische Gewichtungen können unterschiedliche Zielsetzungen und Rahmenbedingungen berücksichtigt werden. Die Auswirkungen veränderter Gewichtungen auf die Bewertungsergebnisse werden unmittelbar visualisiert und ermöglichen so einen iterativen, ergebnisoffenen Entscheidungsprozess.

Die Entwicklung technisch tragfähiger und nachhaltiger Erhaltungsoptionen folgt dem Grundgedanken des Weiterbauens: Bestehende Tragwerke sollen möglichst weitergenutzt und durch gezielte Eingriffe so ertüchtigt werden, dass sie hinsichtlich ihrer technischen Leistungsfähigkeit und verbleibenden Nutzungsdauer mit einem Ersatzneubau vergleichbar sind. Voraussetzung hierfür ist eine fundierte Kenntnis des Bestands, um vorhandene Tragreserven zu erschließen und erforderliche Maßnahmen auf das notwendige Maß zu beschränken.
Die im Rahmen der Dissertation erarbeitete Toolbox führt hierfür Methoden zur Untersuchung und Bewertung bestehender Tragwerke sowie mögliche Maßnahmen zur Instandsetzung und Ertüchtigung zusammen. Sie unterstützt die Entwicklung technisch realisierbarer Erhaltungsvarianten, die anschließend mithilfe der Bewertungsmethodik ganzheitlich mit weiteren Handlungsoptionen verglichen werden können.
Die Bewertungsmethodik und die darauf aufbauende Entscheidungshilfe wurden anhand von vier realen Brückenprojekten im Netz der Deutschen Bahn AG erprobt und weiterentwickelt. Untersucht wurden die Eisenbahnüberführung Augustusburger Straße und das Chemnitzer Viadukt in Chemnitz, die Eisenbahnbrücke Langenargen am Bodensee sowie die Eisenbahnüberführung Bahnhofstraße in Neumünster.
Ausgehend von den jeweils realisierten Planungen wurden alternative Erhaltungs- und Ertüchtigungsvarianten entwickelt und hinsichtlich ihrer technischen, wirtschaftlichen, baukulturellen und ökologischen Auswirkungen vergleichend bewertet.
Die Fallstudien dienten damit sowohl der Überprüfung der entwickelten Methodik als auch der Untersuchung bislang nicht ausgeschöpfter Potenziale für den Erhalt historischer stählerner Eisenbahnbrücken.

Chemnitz (Sachsen)

Langenargen am Bodensee (Baden-Württemberg)

Chemnitz (Sachsen)

Neumünster (Schleswig-Holstein)
Die wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass Erhalt und Ertüchtigung historischer stählerner Eisenbahnbrücken auch bei umfangreichem Instandsetzungsbedarf technisch realisierbare und wirtschaftlich konkurrenzfähige Alternativen zum Ersatzneubau darstellen können. Besonders deutlich werden die ökologischen Vorteile: Durch die Weiternutzung bestehender Tragwerke lassen sich Ressourcenverbrauch und CO₂-Emissionen erheblich reduzieren und zugleich baukulturelle Werte bewahren.
Die entwickelte Bewertungsmethodik ermöglicht einen transparenten und nachvollziehbaren Variantenvergleich. Durch individuell anpassbare Gewichtungen können unterschiedliche Zielsetzungen und Rahmenbedingungen berücksichtigt und die jeweiligen Stärken, Schwächen und Zielkonflikte der Handlungsoptionen sichtbar gemacht werden. Die Untersuchungen unterstreichen damit die Bedeutung einer frühzeitigen, ergebnisoffenen und ganzheitlichen Entscheidungsfindung.


Gleichzeitig haben die Fallstudien Grenzen und Unschärfen hinsichtlich der Bewertungssystematik, des Kriterienaufbaus und einzelner Bewertungsansätze aufgezeigt. Hier setzt das DFG-Erkenntnistransferprojekt EBBS_rail an: Gemeinsam mit der DB InfraGO AG werden die wissenschaftlichen Grundlagen an realen Pilotprojekten weiterentwickelt, konkretisiert und für eine Anwendung in der Planungspraxis aufbereitet.
Weiterführende Literatur
Alles über das Vorgängerprojekt finden Sie in der zugehörigen Dissertation, online abrufbar unter doi.org/10.26127/BTUOpen-7218, bzw. in den Stahlbauartikeln EBBS_rail 1 und EBBS_rail 2.